Offener Brief an Kultursenator Dr. Klaus Lederer

Offener Brief des NFLB an den Kultursenator Dr. Klaus Lederer

Berlin, den 24.5.2018

Sehr geehrter Herr Dr. Lederer,

aus der Presse erfuhren wir kürzlich von der Einführung des „Berliner Verlagspreises“ in Trägerschaft des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Im November 2017 hat sich, initiiert durch den NFLB, eine „Arbeitsgruppe Bibliodiversität“ unter Beteiligung von Independent-Verlagen und Literaturmagazinen gegründet, um Konzepte für bedarfsgerechte und wirksame Förderinstrumente zu erarbeiten.

Wir bedauern sehr, dass diese Expertise bei der Schaffung des Berliner Verlagspreises seitens der Kulturverwaltung nicht in Anspruch genommen und dass die gesamte freie Literaturszene in den Entstehungsprozess nicht eingebunden wurde.

Independent-Verlage sind in erster Linie Kulturträger und erst in zweiter Linie Wirtschaftsunternehmen. Sie sind in der Regel inhabergeführt und nicht nach Marktkriterien ausgerichtet. Sie decken mit viel Engagement und Idealismus eine literarische und sprachliche Vielfalt ab, die ohne sie keine publizistische Sichtbarkeit erlangen würde. Das Netzwerk freie Literaturszene Berlin e.V. fordert daher seit Jahren eine Förderung von Independent-Verlagen und unabhängigen literarischen Magazinen im Sinne der Bibliodiversität. Insofern begrüßen wir grundsätzlich die Bereitschaft seitens der Senatskulturverwaltung, einen ersten Schritt in Richtung Bibliodiversitätsförderung zu gehen und die kulturelle Leistung der Berliner Verlagsszene auch finanziell anzuerkennen. Doch der jüngst ins Leben gerufene Preis erweckt den Eindruck eines Schnellschusses. Nach Ausstattung und Ausgestaltung wird er der Vielfalt und Breite der Berliner Verlagsszene sowie dem Bemühen um sprachliche und literarische Diversität nicht gerecht.

Unsere Kritikpunkte im Einzelnen:

  • Die Ausstattung des Preises ist, insbesondere bezogen auf die festgelegten Umsatzgrenzen, viel zu gering. Erforderlich wären mindestens fünf Preise in Höhe des Hauptpreises sowie zehn kleinere Preise jährlich.
  • Literaturmagazine finden keine Berücksichtigung.
  • Die festgelegten Umsatzgrenzen von bis zu 2 Mio. Euro führen dazu, dass programmatisch spezialisierte Kleinstverlage mit mittelständischen Unternehmen konkurrieren. Bei Verlagen mit Umsätzen unter 100.000 Euro steht die kulturelle und literaturfördernde Tätigkeit viel klarer im Mittelpunkt. Bei der derzeitigen Preis-Ausgestaltung haben sie nur geringe Erfolgschancen.
  • Außerkünstlerische Kriterien wie „innovative Vertriebs-, Marketing- oder Digitalisierungsmodelle“ haben für Kunstförderung keine Relevanz.
  • Die Trägerschaft eines bezogen auf die Mehrzahl der Mitglieder kommerziell ausgerichteten Branchenverbands ist nicht zweckdienlich.
  • Die Zusammensetzung der Jury berücksichtigt keine Expertise aus der Zielgruppe sowie der freien Literaturszene in Berlin.
  • Das Kriterium der sprachlichen Diversität wurde nichtberücksichtigt.

Für die Zukunft fordern wir eine Reform und Erweiterung des Berliner Verlagspreises zum nächsten Doppelhaushalt 2020/21.

  • Die Mittelausstattung soll stark ausgeweitet und ausschließlich aus festen Haushaltsmitteln der Berliner Kulturverwaltung finanziert werden.
  • Die Vergabe soll ausschließlich nach künstlerischen Kriterien erfolgen. Entscheidend ist das durch den jeweiligen Verlag maßgeblich mitbestimmte programmatische Gesamtbild, das sich aus der Qualität der Textauswahl, der Übersetzung, des Lektorats, der künstlerischen Gestaltung und der Herstellung der publizierten Werke zusammensetzt.
  • In der Jury soll die diversitätsbewusste Perspektive von Independent-Verlagen, von unabhängigen literarischen Magazinen sowie der freie Literaturszene vertreten sein.
  • Literarische Magazine soll ebenfalls bei der Preisvergabe Berücksichtigung finden oder einen eigenen Preis erhalten.
  • Die Trägerschaft soll in Händen der Kulturverwaltung liegen oder in echter Selbstverwaltung organisiert werden.
  • Die weitere Ausgestaltung des Preises soll im Rahmen eines partizipativen Prozesses gemeinsam mit der freien Literaturszene erarbeitet werden.
  • Neben Preisen für Independent-Verlage und unabhängige literarischen Magazine sind weitere Instrumente zur Förderung der sprachlichen und literarischen Vielfalt dringend erforderlich. Dazu zählen eine Basis- und Konzeptförderung für Verlage sowie eine Projektförderung für anspruchsvolle und kommerziell nicht realisierbare Übersetzungs- und Editionsprojekte.

Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, die Literaturmetropole Berlin durch eine nachhaltige und wirksame Förderung der Independent-Verlage und Literaturmagazine zu stärken. Gerne bieten wir hierzu erneut unsere Kooperation und Expertise an.

 

Mit freundlichen Grüßen

Der NFLB-Vorstand: Alexander Filyuta, Paula Fürstenberg, Alexander Lehnert, Moritz Malsch, Eric Schumacher

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